An einem strahlenden Herbsttag im späten September – der blaue Himmel über der Stadt war makellos – erfuhr Marlon, dass sein Vertrag nicht verlängert werden sollte. Er hatte gerade erfolgreich ein langwieriges und komplexes Projekt mit einem schwierigen Kunden abgeschlossen, der anspruchsvoll, überkritisch und nörglerisch war, im Kern jedoch wenig von der zu tuenden Arbeit verstand. Mit seiner arroganten Art hatte er schon Marlons Vorgänger und auch einige andere Agenturmitarbeiter fast in den Wahnsinn getrieben. Noch vor einer halben Stunde hatte sich Marlon, sehr zufrieden mit der Beinahezufriedenheit des pflegeintensiven Auftraggebers zurückgelehnt und aufgeatmet. Nun hatte ihm ein Kollege im Vorbeigehen die Nachricht zugesteckt, auf die er schon länger gewartet hatte. Nein, auf die schlechte Botschaft hatte er eigentlich nicht gewartet, aber auf einen Hinweis aus der Chefetage, wie es mit ihm und seinem Ende des Jahres auslaufenden Vertrag weitergehen würde.

Marlon war ein guter Mann. Nicht nur bei diesem delikaten Fall, der nun sein letzter abgeschlossener sein sollte, sondern in allen Arbeiten, mit denen er in der Agentur beauftragt worden war, hatte er immer sowohl sein Bestes gegeben, als auch stets das Bestmögliche für seinen Chef herausgeholt. Er hatte einen Großteil seiner Freizeit geopfert, seine Freundin wahrscheinlich unverzeihlich vernachlässigt und seine familiäre Zukunftsplanung brach liegen lassen. Er hatte Überstunden nicht nur absolviert, sondern mit seinem Arbeitseifer geradezu heraufbeschworen. Und hatte mit seiner freiwilligen Erreichbarkeit für jedes technische Unverständnis und Problemchen des Kunden nicht nur jede noch so seltene intime Minute mit seiner Freundin, sondern auch seinen eigenen unbescholtenen Schlaf und die schon lange geschrumpfte seelische Distanz zu seiner Arbeit gefährdet und teilweise vernichtet.
Vor zwei Wochen hatte ihm der schwierige Kunde, Herr Bergel, das Du angeboten. Immerhin hatte Marlon in den letzten Monaten mehr Zeit mit ihm verbracht, als mit irgendjemandem sonst. Vom komplizierten, kaum zufriedenzustellenden Auftraggeber zum Duzkumpel in weniger als einem halben Jahr - darauf war Marlon schon ein bisschen stolz gewesen. Bis zu dem kurzen Gespräch vor einigen Minuten. Ein alternder Kollege aus der Marketingabteilung hatte Wind von etwas bekommen, auf das Marlon selbst schon lange erpicht war: Neuigkeiten darüber, wie es mit ihm weitergehen sollte.

Es wäre nun das dritte Mal gewesen, das magische dritte Mal, dass Marlons Vertrag auslief und die Chefetage ihn verlängerte. Dieses Mal hätte der Geschäftsführer allerdings jegliche Begrenzung aufheben müssen. Das bisschen rechtlichen Schutz, das Marlon und anderen in seiner Situation zustand, bewahrte ihn nach dem zweiten Mal vor dem bis in alle Ewigkeiten Vertröstetwerden. Es exponierte ihn jedoch zugleich einem System, das in einer begrenzten Zeit, die nur die Systemprofiteure kannten, das Beste aus Marlon herausholen durfte und ihm keine Rechenschaft, noch adäquate Gegenleistungen, geschweige denn einen festen, zeitlich unbeschränkten Arbeitsvertrag schuldig war. Und ihn nach zweimaliger Verlängerung in die "Freiheit" entlassen konnte. Mit dem auch nicht gerade üppigen Gehalt, das von Marlons Miete und seinen aus Zeitmangel vielen bestellten Essen fast gänzlich verschlungen wurde, war auch nicht unbedingt Staat zu machen gewesen – Rücklagenbildung ausgeschlossen. Doch zumindest war er versichert gewesen und konnte als einer der wenigen Leute, die er im Arbeitsleben außerhalb der Agentur etwas besser kannte, eine Arbeitsstelle vorweisen, die nun doch schon zwei Mal vertraglich verlängert worden war. Jedenfalls hatte Marlon zumindest nicht bewusst damit gerechnet, plötzlich in die haltlose Freiheit des Unemployments zu fallen und war – ja, was war er? – entgegen aller Erwartungen kaum böse, eher irgendwie schlaff und kraftlos, als wäre die Luft nun raus, die er über zweieinhalb Jahre lang angehalten hatte. Von Verlängerung zu Verlängerung, von Projekt zu Projekt, von Auftrag zu Auftrag, den nicht er annahm, sondern der Chef, der gerne bei allem ein Wörtchen mitzureden hatte, dabei jedoch längst den Anschluss und das Verständnis zur technischen Machbarkeit des einzelnen Kundenwunsches verloren hatte und eigentlich nur noch Boss war. Der jederzeit dazwischen fahren konnte in ein von Maßlosigkeiten mühsam bereinigtes, auf menschliches Niveau herunterverhandeltes Kundenverhältnis. Der in wenigen Minuten Versprechungen machen und Planänderungen verursachen konnte, die Marlon schlaflose Nächte bereiteten und ihn auch immer wieder Abende und Wochenenden seiner mürben Freizeit kosteten. In zwei Monaten würde Marlon also arbeitslos sein. Wenn er in diesen zwei Monaten nichts fand um lückenlos anzuschließen. Und das musste er – im Lebenslauf machten sich solche Lücken gar nicht gut.

Der Schreck saß doch scheinbar tiefer, als er es sich zu Anfang eingestehen wollte, eine plötzliche Schwere beim Atmen, eine unmittelbare Enge der Brust ließen ihn zu seiner Jacke greifen und den spontanen Entschluss zu einem Spaziergang fassen, was er schon seit langer Zeit nicht mehr getan hatte. Draußen, im Angesicht des eisblauen Himmels atmete er hörbar einige Male ein und aus und begann eine Runde um den Block. Vorbei am kleinen Ecksupermarkt, der nur aufgrund seiner hervorragend zentralen Lage und bescheidenen Größe die Schlacht gegen die im Innenstadttrubel keinen Platz findenden Discounter behaupten konnte. Vorbei an Reinigung, Schneiderei und Reisebüro, am kleinen Italiener mit der hervorragenden und dabei günstigen Mittagspizza. Vorbei am anschließenden Krankenhauskomplex, vor dessen Türen oft Horden junger Männer mit verbundenen Körperteilen rauchten.

Eigentlich musste er seinen Chef sprechen. Er konnte ja nicht einfach nur das Wort eines Kollegen für bare Münze nehmen, ohne zu wissen, was wirklich dahintersteckte. Was, wenn der andere sich verhört hatte und anyway: Wieso wusste der vor ihm, was mit Marlon passieren sollte? Marlon schritt kräftiger aus, die schon kühle aber stellenweise immer noch sonnenstrahlengesättigte frische Luft tat ihm gut, seine Gedanken wurden klarer: Er musste sich Gewissheit verschaffen und seinen Chef sprechen. Sein mitteilsamer Kollege aus dem Marketing war schon lange dabei und stand der Obrigkeit etwas näher als viele andere Kollegen. Er war als einer der wenigen Auserwählten von der großen Kündigungswelle vor sechs Jahren verschont geblieben und verfügte über das, was Marlon sowohl schmerzlich ersehnte, als auch in einer diffusen Angst vor der umfassenden, weil uneingeschränkten Klemme fürchtete: ein festes, unbegrenztes Angestelltenverhältnis.

Marlon wusste nicht gerade viel über seinen Kollegen, er verstand sich gut mit ihm, wie eigentlich mit allen in der Agentur. Er hatte vor Kurzem mitbekommen, dass sich wohl bei dem Mann privat die Scheidung anbahnte. Und dass dieser, neben seinen gründlich in Anspruch nehmenden Arbeitspflichten, auch noch um das Sorgerecht für seinen viereinhalbjährigen Sohn streiten musste. Plötzlich tat der Mann ihm leid, und er empfand eine tiefe Dankbarkeit für dessen vertraulichen Hinweis. Der Kollege hatte selbst genug mit sich zu schaffen und dachte dennoch daran, Marlon unter der Hand in Kenntnis zu setzen: Marlons Situation war einigen wenigen innerhalb der Agentur bekannt, und manche warteten gemeinsam mit ihm auf ein Statement von oben. Das würde er sich nun holen. Mit großen Schritten näherte sich das Gebäude der Agentur.

Zurück im Büro klingelte Marlon telefonisch beim Chef an, der eine Etage tiefer saß, und bat ihn um ein Gespräch. Dieser lud ihn nach unten ein und Marlon stieg hinab. Bernhard Jahrob saß, den Telefonhörer in der einen Hand, mit überschlagenen Beinen zurückgelehnt in seinem Rollsessel, als Marlon klopfte und auf ein Handzeichen Jahrobs durch die gläserne Tür von dessen Büro den Raum betrat. "Das weiß ich", sagte Jahrob in den Hörer, "das habe ich selbst angeordnet. Es lässt sich leider nicht anders machen." Jahrob legte auf, machte sich einige Notizen in seinem schwarzen ledergebundenen Buch, das er immer mit sich herumtrug, und wandte seine Aufmerksamkeit Marlon zu. Was er für ihn tun könne, er habe sehr viel Arbeit und müsse in einer halben Stunde aufbrechen. Marlon wunderte sich insgeheim über diese Frage, er hatte angenommen, sein Anliegen sei bereits auf der Agenda der Steuerungsgruppe gewesen, woher auch der Marketingkollege seine Informationen gehabt haben musste. Er erklärte dennoch ruhig seine Anwesenheit und erkundigte sich nach diesbezüglichen Beschlüssen. Der Chef sah ihn unergründlich an und erwiederte, dass diesbezüglich noch keine Entschlüsse gefallen seien. Marlon versteifte sich und dachte kurz daran, seine Quelle preiszugeben, besann sich jedoch eines Besseren. Er wies auf das Auslaufen seines Vertrages und seine vielen Überstunden sowie den übrigen Resturlaub hin und auf die Kürze der verbleibenden Zeit. Er müsse sich eigentlich auch aus rechtlicher Sicht drei Monate vor Vertragsablauf beim Arbeitsamt arbeitssuchend melden, sonst sei er für Arbeitslosengeld gesperrt, bemerkte er am Schluss, nun schon fast etwas trotzig. Davon habe er keine Kenntnisse, antwortete Jahrob sachlich, mit untertoniger Ungeduld, doch habe die viele Arbeit ihn bislang davon abgehalten, sich mit Marlons Anliegen zu beschäftigen. Er werde das schnellstmöglich nachholen und Marlon benachrichtigen, sobald ein Beschluss feststünde. Damit schien das Thema vorerst vom Tisch, ein weiteres Drängen auf eine offiziell noch nicht feststehende Antwort erschien Marlon, auch wenn eine kleine Wut in ihm aufstieg, nutzlos, also bedankte er sich für die "guten Absichten" des Chefs, eine schnelle Entscheidung herbeizuführen und ging wieder an die Arbeit.

In dieser Nacht schlief Marlon schlecht. Nicht weil er Arbeitsinhalte wälzte und wieder und wieder im Traum die gleichen Dinge ausführte wie tagsüber im Büro, oder Lösungen für Umsetzungsprobleme und andere Defizite ersann. Oder weil er sich über Kommunikations-schwierigkeiten mit Kunden ärgerte und Vertretbarkeiten abwog. Dies waren seine üblichen Gründe für schlechten oder aussetzenden Schlaf. In dieser Nacht hatte Marlon jedoch wiederkehrende Träume, in denen er von diffusen, namenlosen Kräften gejagt wurde, die alle Menschen um ihn herum in gesichtslose böse Akteure verwandelten, die dann wiederum alle hinter ihm her waren, und sie holten ihn immer ein. Es folgten mehrere dieser Träume hintereinander, die immer unterschiedlich begannen und irgendwann auf eine paranoide Wendung hinausliefen, die im stets gleichen Gefühl der Machtlosigkeit und des Ausgeliefertseins endete. Marlon begann alleine einen unbekannten Task, es trieb ihn irgendwohin, er wußte nicht wohin, doch verfolgte er das unbekannte Ziel mit großem Einsatz und unbedingtem Willen. Bis die sich langsam um ihn her verändernde Landschaft seine Aufmerksamkeit mehr und mehr beanspruchte und Marlon erschrocken feststellen musste, dass sie keiner ihm bekannten Landschaft mehr glich. Und in diesen Momenten begannen auch schon die Horizonte zu wimmeln oder die Himmel aufzuplatzen und herein drängten Dinge, die Marlon nicht sehen wollte, weshalb er aufwachte. In den vielen Landschaften seiner Träume in dieser Nacht hatte er keine Zufluchtstätte, und das Erwachen brachte ihm nur ein banges Bewusstsein seiner Lage.

Am nächsten Morgen rief Marlon in der Arbeit an und kündigte seine spätere Ankunft an, dann informierte er sich im Internet über die Meldepflicht beim Arbeitsamt. Er hatte von einem Bekannten gehört, dass diese Pflicht drei Monate vor Ablauf des Vertrages galt und fand dies auch bestätigt. Er konnte sich online arbeitssuchend melden und tat es sogleich. Umgehend bekam er die Bestätigung per E-Mail und den Bescheid, dass er sich nach Ablauf seines geltenden Vertrages alsbald persönlich arbeitslos zu melden habe, da erst dann sein Anspruch auf Arbeitslosengeld 1 Gültigkeit erlangen könne.

Die letzten zwei Wochen in der Agentur verliefen arbeitsam wie eh und jeh, Marlons Vorhaben, sich nach anderen Stellen umzuschauen und sich parallel zu bewerben wurde wieder und wieder verschoben, schließlich ging es auf Dezember zu und Marlon musste seinem Nachfolger die Übergabe vorbereiten. Er schaffte es, sogar am letzten Tag noch Überstunden zu machen, reichte jedoch schriftlich – denn seinen Nachfolger hatte er nicht mehr persönlich kennengelernt – Übergabedokumente ein, die seinen Vorstellungen einer bestmöglichen und arbeitsparenden Lösung so nahe wie möglich kamen. Die Dokumentation seiner Arbeit aus den letzten Jahren hatte ihn viele Nerven gekostet. Eine Zwischenübergabe an den Chef war undenkbar gewesen, da dieser keine Zeit zu haben betonte und sich zudem sein Interesse für Details aus Marlons Tätigkeiten in engen Grenzen hielt. Mit dem Ausblick auf einen Nachfolger, der wie er einst voller Hoffnung und Freude seine neue Stelle begann, wollte Marlon alles so gut wie möglich vorbereiten, damit dem Anderen die schwierigen und ungeordneten Bedingungen, die Marlon einst bei seinem Einstieg vorgefunden hatte, erspart bleiben würden.

Das Gespräch mit dem Chef, nachdem Marlons Weggang beschlossene und öffentlichkeitsreife Sache war, verlief förmlich und professionell. Alles, was Marlon hören wollte, bekam er zu hören. Dazu noch das unwiderlegbare Argument notwendiger Sparmaßnahmen im Personalbereich der Agentur. Das würde nach ihm einen weiteren schlechtbezahlten "Marlon" bedeuten, dessen war er sich bewusst. Er sagte jedoch nichts dazu, dann die Situation des Unternehmens war ihm weder transparent, noch wollte er den Vorgesetzten vor den Kopf stoßen, der selbst augenscheinlich ruderte. Von den Kollegen waren einige betroffen, drückten ihre Anteilnahme jedoch vorwiegend in mitleidvollen Blicken aus und senkten die Stimmen, sobald es um Marlons Ausscheiden ging.

Die gigantischen Räder des Arbeitsamtes hatten inzwischen auch schon zu rotieren begonnen: Marlon hatte eine Sachbearbeiterin, Frau Frecha, zugeteilt bekommen, und war Ende Oktober schon bei einem Treffen mit ihr gewesen. Bei diesem Treffen hatte Frau Frecha mit ihm sein Profil für die arbeitsagentureigne Onlinejobbörse ausgefüllt. Diese konnte nämlich nicht von den Arbeitssuchenden selbst ausgefüllt, bearbeitet und aktualisiert werden. Die einzelnen Eingabemöglichkeiten waren gesperrt und mussten von Arbeitsamtinternen entsperrt und bearbeitet werden. Als läge es nicht im Interesse eines jeden Arbeitssuchenden, sein Profil so aktuell und seine Person so gut wie möglich dargestellt zu wissen. Oder als hielte das Amt die Arbeitssuchenden für etwas zu dämlich, um diese Anpassungen selbst vorzunehmen – Gedanken, die Marlon durch den Kopf gingen, als er mit Frau Frecha vor dem Rechner in ihrem Büro saß. Jedenfalls ging eine Bearbeitung also nur mit Frau Frecha, und es dauerte etwa eine Stunde, bis diese Marlons Tätigkeitenprofil, seinen beruflichen Werdegang und seine Skills abgefragt und eingegeben hatte. Marlon wurde auf zehn zu erstellende Bewerbungen im Monat festgelegt und mit einem neuen Termin in anderthalb Monaten entlassen. Zu diesem neuen Termin hatte er sich dann arbeitslos zu melden.

Die vielen Überstunden und die Arbeitszeit an den Wochenenden hatten Marlon eine verkürzte Restarbeitszeit in der Agentur beschert, sodass er in der dritten Novemberwoche seinen letzten Arbeitstag beschloss. Erschöpft und erleichtert zog er zum letzten Mal die Bürotür hinter sich zu und durchquerte den schattigen Innenhof der Agentur.

Mit Feuereifer stürzte er sich schon am nächsten Tag auf den Onlinestellenmarkt und führte in den folgenden Tagen Telefonate mit Bekannten, recherchierte Angebote, schrieb Bewerbungen. Mit der zusätzlich gewonnenen Berufserfahrung erhoffte und erwartete er sich Zuspruch und Interesse auf Seiten der Arbeitgeber. Er gönnte sich keinen Tag Pause, obwohl er sich auf eine Auszeit gefreut hatte, ja sie geradezu körperlich ersehnt hatte, ermüdet von seiner intensiven Arbeit als Projektmanager, der beständigen Notwendigkeit, sich zu beweisen, und besonders von seinen letzten aufreibenden Arbeitstagen. Rastlos klapperte er sämtliche einschlägigen Stellenforen ab und gab wochenlang einiges an Geld aus, um sich die neuesten Zeitungen zuzulegen, deren feste Tage für Stellenanzeigen er alle auswendig kannte. Wenig gaben die Märkte her für Geisteswissenschaftler wie ihn. Und dann gerade auch noch in der seit Monaten um sich greifenden Krise, die von Banken verursacht, Staaten in die Pflicht nahm und ihre Bewegungsfreiheit abschnürte. Es wurde noch immer mehr entlassen als eingestellt – Marlon war nur einer von vielen. Zudem dominierten Manager, Ingenieure und BWLer die Nachfrage. Kaum war die Rede von seinen Kenntnissen – sogar in Arbeitsfeldern wie Verlag und Redaktion wollten die Arbeitgeber der Gesellschaft vorzugsweise kaufmännische Erfahrungen, zusehends auch technische. Dass Marlon kein unbeschriebenes Blatt war, was das Jonglieren mit Zahlen anging, interessierte sie herzlich wenig. Dass er lernfähig und schnell von Begriff war, ebenfalls, auch wenn es ihm in seinen vielen Zeugnissen attestiert wurde. Die Einladungen zu Vorstellungsgesprächen sowie etwaige Zusagen blieben aus.

Die Zeit mit seiner Freundin, die ihre eignen Probleme mit Überarbeitung und vertraglichen Warteschleifen hatte, verkam Marlon zu verbitterten Diskussionen über den Arbeitsmarkt und Verzweiflungsausbrüchen wegen der vielen Absagen. Insgesamt hatte Beatrix gerade wenig Zeit für Marlon übrig, und wenn sie sich mal sahen, sprachen sie über die Belastungen, die sie empfanden. Kaum verbrachten sie heitere Stunden miteinander, sie spielten nichts mehr, weder Backgammon noch Karten, was sie in den ersten Jahren ihrer Beziehung oft getan hatten, als sie beide noch studierten. Gerne waren sie damals miteinander in liebenden Wettstreit getreten, und der Gewinner hatte den Verlierer im Anschluss mit Freuden entschädigt. Ihr Liebesleben war inzwischen, wenn es überhaupt stattfand, heftig und kurz, wie aufgestaute, notwendige Entladungen, die sie gegenseitig aneinander ableiten mussten. So ging es dahin.

Man muss dazu wissen, dass Marlon kurz nach seinem Studium schon einmal keine Arbeit gefunden hatte. Belastet mit einem Studienkredit in Höhe von 9.000,- Euro und ohne direkte Aussicht auf Arbeit in dem Feld, das er studiert hatte, beantragte er, bis seine Suche Erfolg zeitigen sollte, zur Überbrückung Arbeitslosengeld 2, auch Hartz 4 genannt. Warum hatte Marlon seinerzeit Literaturwissenschaft und nicht BWL oder Maschinenbau studiert, oder den Dauerrenner Medizin? Es hatte sich ja schon lange eine Präferenz des Arbeitsmarktes für diese Richtungen gezeigt... Aber Marlon zog es immer schon zum Unmathematischen hin, zu dem, was nicht sofort greifbar ist, und dennoch den Menschen seines Erachtens mehr ausmachte, als dessen Konto, sein Auto, seine nachweisbare Leberfunktion; außerdem interessierte sich Marlon auch für Kunst, wenn er auch keine eignen kreativen Versuche mehr unternahm. Die Hartz 4-Episode seines Lebens, die über fünf Monate währte und seinem Selbstvertrauen nicht unerhebliche Blessuren verpasste, möchte Marlon am liebsten vergessen und hinter sich lassen. Die erzwungene Offenlegung seiner Verhältnisse, bis hin zu einer bedingungslosen Erreichbarkeit, die weit über die selbstgewährte in seiner Agenturstelle als Projektmanager hinausging, die amtlichen Anforderungen beleidigten sein Selbstbewusstsein und ließen ihn mit einem Gefühl der Leere zurück: So musste er sich bei Verlassen der Stadt offiziell bei der Institution der Arbeitsgemeinschaft abmelden, zu jedem amtsbeschiedenen Termin erscheinen und sich bereit erklären, jede, seinen Kompetenzen noch so zuwiderlaufende Stelle anzunehmen, wenn das Amt darauf bestand.

In diesem Melting Pot of Indifference der Hartz 4-Empfänger (so nannte Marlon damals dieses Massengrab an Kompetenzen und arbeitslosen Menschen, in das er mit hineingesteckt wurde) waren der Menschheit zweiter Klasse nicht nur Studienabgänger, langjährige Arbeitslose und Arbeitsunfähige gleichermaßen zugeordnet: Die Arbeitsgemeinschaft konnte zudem für kaum einen seiner "Kunden" wirklich etwas tun. In schmachvollen Unterredungen mit unterschiedlichen, stets skeptischen, oft überheblichen Zuständigen des ARGE-Personals musste er immer wieder seine redlichen Absichten beteuern, wirklich eine Arbeit zu wollen und zu suchen. Er musste ahnungslosen Beamten seine während des Studiums erworbenen Kompetenzen erläutern – was keine Garantie für deren Verständnis war. Er musste alle seine Vermögensverhältnisse offenlegen, und mit Kontoauszügen belegen: Akten, Dokumente und Nachweise mussten gesammelt, erbracht und vom jeweiligen Sachbearbeiter kopiert werden. Denn dem Antragsteller selbst traute man die korrekte Anfertigung von Kopien wohl nicht zu oder erwartete hinter jeder Handlung habgierige Täuschungs- bzw. Fälschungsabsichten.

Marlon war für das Amt zum gläsernen Bürger geworden, jederzeit abrufbar, vollkommen transparent und berechenbar und: alarmbereit. Und in der gläsernen Exponiertheit verflüchtigte sich jenes hauchfeine, wolkige Gespinst. ARGE wusste alles über Marlon, nur eins hatte das Amt noch nicht gesehen: seine Wohnung. Eines morgens um Punkt 8 standen sie vor seiner Tür, eine Frau und ein Mann, Marlons Freundin machte im Schlafanzug auf, sie wollte die beiden zuerst nicht einlassen und überließ das Gespräch dem dazukommenden verschlafenen Marlon, dieser fragte in einem Anflug von Überforderung und Hilflosigkeit ob er sie denn einzulassen verpflichtet sei. Das sei er, behauptete der Mann mit donnernder Stimme, wenn er weiter Hartz 4 beziehen wolle, müsse er sie einlassen, was Marlon, nicht zuletzt wegen seiner Scham vor den Nachbarn und vor Beatrix auch tat. Die Beamten hatten jedoch gelogen, fand Marlon später heraus. Er hätte sie nicht einlassen müssen – nicht einmal die Polizei musste man einlassen, wenn sie keinen Durchsuchungsbefehl hatte. Und eben erst recht keine ARGE-Beamten, die sich zu vollzugsberechtigten Fahndern hochstilisierten. Aber als der Mann an diesem winterlichen Morgen mit wuchtigen Boots an Marlon vorbeimarschierte, da hatte Marlon es nicht gewusst und zugelassen, dass die Beamten jedes Zimmer in Augenschein nahmen und sogar in Beatrix' Wäscheschrank und seine Schubladen schauten, um sich zu vergewissern, ob hier ein Delikt à la "Verschleierung einer unangemeldeten Bedarfsgemeinschaft" vorlag. Die dann begütigt wirkenden Beamten versicherten auf Marlons und Beatrix' Beteuerungen, es handele sich um keine Bedarfsgemeinschaft, dass sie ihnen glaubten und ein gutes Wort für Marlon einlegen würden und verschwanden endlich. Eine Woche später erhielt Marlon Post von der ARGE: Beatrix müsse ihn nun aushalten, da erwiesen worden sei, sie führten eine unangemeldete Bedarfsgemeinschaft. Beatrix, die damals mit ihrem eignen unterbezahlten und zeitlich begrenzten Job in einem kleinen ökologischen Fachverlag kaum für sich selbst aufkommen konnte und ihre eignen Probleme hatte, erlitt an diesem Tag einen nervlichen Zusammenbruch.

Zwar fing Marlon danach an, sich über seine Rechte als Arbeitsloser schlau zu machen, und legte Einspruch gegen diese Auslegung seiner Wohn-, Lebens- und Liebesverhältnisse ein, um Beatrix die Schmach der Offenlegung ihrer eignen ungenügenden Verhältnisse zu ersparen. Auch konnte er, als alles nichts fruchtete und die Beamten nachdrücklich darauf bestanden, Beatrix die Fürsorge für Marlon in die Schuhe zu schieben, - dann doch schlussendlich mit dem Argument punkten konnte, dass, könne ihn seine Freundin aushalten, er weder einen Studienkredit gebraucht hätte noch nachgerade einen brauchen würde (das konnten die kleinlichen Krämerseelen an den Bewegungen seines Kontos, die ihnen detailliert vorlagen, schließlich verifizieren und damit war dann sein Bezug von Hartz 4 – monatlich 684 Euro – gesichert). Aber trotz dieses kleinen "Erfolges" und trotzdem Marlon nach diesen fünf Monaten auf eine stattliche Bilanz von über 80 wie im Delirium, im Fleißtaumel verfasste und verschickte Bewerbungen zurückblicken konnte – und das schon bevor die Beamten Einlass in seine Wohnung begehrt hatten, er hatte also von sich aus sein Bestes gegeben –, also trotz alldem konnte er die Begebenheiten, Zusammenhänge und die seelischen Einwirkungen der Hartz 4-Geschichte lange nicht verwinden.
Wochenlang war er wie mit eingezogenem Schwanz umhergelaufen, und sein Herz war fortan wie eingekerbt. Auf eine Initiativbewerbung hin hatte er nach über fünf Monaten Hartz 4-Wahnsinn endlich die Stelle in der Agentur bekommen, aber nicht in der Position, die er sich nach so langer Studienzeit, zwei unbezahlten Praktika währenddessen und einem danach erhofft hatte. Und doch: gegen Ende der Arbeitslosigkeit und nach den vielen unfruchtbaren Versuchen, waren seine Ansprüche andere gewesen. Er fing in der Agentur ganz unten an: sechs Monate als Praktikant (Vollzeit mit Überstunden, 325 Euro im Monat, aufgestockt mit Hartz 4). Danach Aushilfe für drei Monate (mit einem Gehalt von 420 Euro und zumindest versichert, weiterhin aufgestockt mit Hartz 4). In beiden Positionen arbeitete Marlon Vollzeit und hart, und auch in der nächsten, als Projektassistent für drei Monate – hier erhielt er 1200 Euro brutto (von denen ihm 925 netto blieben) – aber endlich war er von ARGE unabhängig. Anschließend bekam er die Traineestelle eines Projektmanagers im Haus. Diese ging zwei Jahre, war entlohnt mit 1400 brutto im ersten und 1600 im zweiten Jahr und beinhaltete die bereits beschriebene Zeit- und Selbstaufgabe, die Marlon nun zweieinhalb Jahre betrieben hatte. Er hatte sich hervorragend eingearbeitet und einen Erfolg nach dem anderen erzielt. Seine Zusammenarbeit mit den anderen Mitarbeitern im Haus und auch tendenziell mit dem Chef war tadellos. Es hatte eigentlich keinen plausiblen inhaltlichen Grund gegeben, seinen Vertrag nicht zu verlängern.
Auch in seiner jetzigen, zweiten Arbeitslosigkeit fand Marlon zwar immer wieder Stellen, auf die er sich bewarb, doch kam er seinem Ziel, eine zu bekommen, bei der er nicht wieder von null anfangen musste, nicht näher.

Ende Januar hatte er wieder einen Termin mit seiner Sachbearbeiterin beim Arbeitsamt, zu dem er seine gesamten ausgefüllten Unterlagen inklusive Nachweise des letzten Arbeitgebers etc. mitnahm. Zumindest musste er diesmal nicht seine Kontoauszüge offenlegen und sich für seine privaten Angelegenheiten rechtfertigen. Frau Frecha war eine angenehme und umgängliche Frau, hatte jedoch nicht unbedingt schlagende Kenntnisse davon, wie sie ihm helfen konnte, daher waren ihre gemeinsamen Tätigkeiten bei jedem Termin, dass er ihr von seinen versandten Bewerbungen erzählte und sie daraufhin gemeinsam die digitale Jobbörse des Arbeitsamtes durchsahen. Bei dieser Suche kam meistens nichts, nur mit etwas Verrenkung das ein oder andere Angebot heraus. Marlon bewarb sich auch auf jedes, bekam jedoch nur Absagen. Die Gespräche mit seinen Bekannten und Freunden hatten nichts ergeben, die meisten kämpften selbst, und wichtige Personen in Macht- und Entscheidungspositionen kannten weder Marlon noch seine Freundin.

Zu diesem Termin am 18. Januar bei Frau Frecha nahm Marlon also seine vollständigen Unterlagen mit - denn er sollte sich ja persönlich arbeitslos melden und seine Unterlagen einreichen – damit ihm Frau Frecha sogleich sein Arbeitslosengeld berechnen konnte, auf das er Anspruch hatte. Sie lachte, als er die Unterlagen auspackte, und sagte dafür sei sie nun wirklich nicht zuständig und das müsse er bei der entsprechenden Stelle machen lassen, wofür er einen gesonderten Termin brauche. Marlon hatte in insgesamt drei geführten Gesprächen mit Schalterbeamten des Arbeitsamtes und mit seiner Sachbearbeiterin von niemandem erfahren, dass ein persönlicher Termin abseits eines Termins mit seiner Sachbearbeiterin gemeint war. Das machte ihn wiederum ein bisschen sauer, und Marlon ging, sich in die Schlange am für sein Wohngebiet zuständigen Schalter einzureihen und seinen Termin zu erhalten. Dieser fiel, trotzdem Marlon alle Unterlagen beisammen und dabei hatte, auf den sechsten Februar. Marlon musste auf die Nennung des Termins 10 Minuten warten, wurde dann zu einem Beamten geholt, der mit anderen Beamten in einem Großraumbüro saß. Die meisten Beamten saßen allein, an vielen mit Spickschutz voneinander getrennten Tischen. Marlons Gegenüber, zu dem er geholt wurde, riet ihm, als ihn Marlon auf die mangelhafte Terminberatung aufmerksam machte (zu der der Beamte nur sagte, das sei doch klar, das sei doch bekannt, das stehe doch auf Dokument XY) in den kommenden Tagen im Amt anzurufen (vom Festnetz zum Festnetztarif, nur Handy sei teuer, bemerkte er) und nach einem kurzfristigen Ersatztermin zu fragen. Es würden immer wieder Leute absagen und Marlon könne dann aufrutschen. Marlon sagte, er hoffe es, denn seine Miete sei am ersten Februar fällig und er habe nicht das nötige Geld um diese zu bezahlen. Der Beamte meinte da ließe sich bestimmt etwas machen, er jedoch könne ihm leider keinen anderen Termin geben, als denjenigen am 6. Februar. Zwei Tage später rief Marlon die Arbeitsamthotline an, um sich von einer erstaunten Kollegin des Schalterbeamten sagen zu lassen, dass so gut wie nie Termine abgesagt würden und sie nicht verstehe, wie ihr Kollege darauf komme: Marlons frühestmöglicher Termin sei und bleibe erst einmal der 6. Februar. Marlon musste die Miete leihen.

Am 6. Februar ging Marlon also erneut zum Arbeitsamt, er wurde auf Bearbeitungsplatz 2 von 6 empfangen. Im Zimmer traf er auf zwei sehr jung wirkende Sachbearbeiter, der Junge mochte höchstens um die 20 sein, das Mädchen, das fahrig und mit leichtem Silberblick lustlos ihre Computermaus bediente, etwa 18. Sie hielt sich gänzlich aus dem Gespräch heraus, würdigte Marlon nicht eines Blickes – zumindest konnte er das nicht genau sagen. Der Junge führte das Gespräch, ungeübt und auf Richtigkeit bedacht. Er wollte zuerst wissen, ob Marlon alles dabei hatte, dieser hoffte es. Marlon musste sich ausweisen, danach ging der Junge die Unterlagen akribisch durch. Bereits auf Seite 1 machte er Marlon darauf aufmerksam, dass dieser jede noch so geringfügige Beschäftigung unmittelbar zu melden habe, am besten noch vor Ausübung. Arbeiten dürfe er nicht mehr als 15 Stunden die Woche, verdienen nicht mehr als 165,- Euro aufs Arbeitslosengeld drauf, bzw. mehr würde mit Letzterem verrechnet werden.
Wieviel es denn sei, wollte Marlon wissen, der schon durch einige Gerüchte um die Höhe, die bei seinem geringen letzten Gehalt nicht üppig ausfallen sollte, vorbereitet worden war. Er bekäme 670,- Euro Arbeitslosengeld 1, lautete die Antwort. Nun war Marlon doch erschrocken, seine Miete allein betrug 500 Euro. Das äußerte er auch, und ergänzte, er könne sich ja bis zu einem neuen Job etwas dazuverdienen. Das sei jedoch nur bis zu einem Freibetrag von 165,- Euro möglich, erinnerte der Junge, alles darüber hinaus werde mit dem Arbeitslosengeld verrechnet. Was das denn für einen Sinn mache, fragte Marlon entgeistert. Natürlich, erwiederte der Junge sogleich nicht unhilfsbereit, da könne Marlon ja dann noch mit Hartz 4 aufstocken.
Marlon war sprachlos, er konnte sich kaum noch beherrschen, er musste raus. Dass zwei Jugendliche ihm weder ein Wort des Trostes, noch die Einsicht in die Absurdität des sie beherbergenden Systems bieten konnten, leuchtete ihm ein, also fragte er aufstehend, ob es das gewesen sei. Der Junge antwortete nun doch etwas unsicher, ja, außer Marlon habe noch Fragen, nein, sagte dieser, er sei bedient, und ging. Draußen rang er um Fassung, er musste bei einer abgeschabten Sitzreihe Halt machen und seinen Stolz und seine Hilflosigkeit niederringen, dann verlief er sich auch noch kurz in der weiträumigen Etage der Behörde und fand den Ausgang mehrere Minuten lang nicht. Das Gespräch, die Unterlagenabgabe und die Berechnung hatten weniger als fünf Minuten gedauert. Marlon verließ das rote Backsteingebäude mit dem Gefühl der Niederschmetterung. 

Immer wieder dachte er an eine Begebenheit, die während seiner ersten arbeitslosen Phase und seines Hartz 4-Bezugs stattgefunden hatte. Ihr war eine Einladung wie zu einem Gesprächstermin (also mit persönlicher Anwesenheitspflich gemäß §309 SGB III) vorausgegangen. Die "ARGE-Veranstaltung" um die es dabei ging, sollte einen ganzen Vormittag dauern – Marlon konnte sich unter der vagen brieflichen Ankündigung nichts vorstellen, war jedoch zur Teilnahme verpflichtet. 4 Lebensläufe mit angehängten Zeugnissen waren ausgedruckt mitzunehmen. Marlon stand um 9 Uhr wie gefordert auf der Matte. Im Erdgeschoss von ARGE, einem etagenübergreifenden Empfangsraum, waren drei Reihen Stühle um einige schlangenförmig aneinandergereihte Podeste aufgestellt, die so einen Bühnenpfad bildeten, eine Art Catwalk. Mit Marlon zusammen waren viele andere gekommen, unterschiedlicher konnten die vielen Gesichter nicht sein, alt und jung, verbittert und verhuscht, offen und verschlossen, hoffend und enttäuscht. Sie alle mussten sich auf die Stühle verteilen, hinter denen Stellwände mit Stellenanzeigen errichtet worden waren. Dort saßen sie und warteten, manche ungehalten, manche amüsiert. Es folgte eine Rede von mehreren ARGE-Mitarbeitern mit Willkommensgruß an alle ARGE-"Kunden" - was viele missbilligend den Kopf schütteln ließ - und eine Behauptung der unkonventionellen Methoden dieses geschätzten Amtes, in dem sich alle befanden, denn heute würde es wieder etwas erfrischend Außerplanmäßiges geben: eine Modenschau! Allgemeiner Unglauben machte die Runde. Die hier gezeigte Mode, wurde nun noch stolz verkündet, hätten selbsternannte Modedesignerinnen, die heute auch selbst auf dem Catwalk liefen, geschneidert, und zwar aus Altkleidern und weggeworfenen Textilien, und das lehre uns nun wieder, dass auch bereits aufs Abstellgleis Geschobenes wieder reanimiert werden könne, solange nur ein Wille bestünde, usw. Einige aus dem Publikum standen auf und gingen. Auf die Plattformen kamen nun vergnügte, in bunte, unproportionale Fetzen gehüllte Gestalten, und mit ihnen die Beamten und Sachbearbeiter der ARGE, die klatschten und sich scheinbar amüsierten und zur Begleitmusik die Hüften kreisen ließen.

In Marlon löste das Spektakel leichten Ekel und Betäubung aus, er konnte nicht genau sagen, wieso. Er wartete einfach, bis es vorbei war, denn das musste man der Einführungsrede gemäß tun, um später an die Stellenangebote und einstellwütigen Firmen zu gelangen, die ARGE für seine "Kunden" für diesen besonderen Tag mobilisiert hatte. Marlon wartete also und als die Revue endlich vorbei war, schaute er sich die ausgehängten Stellenangebote an. Für Akademiker gab es ganze zwei: einen Manager- und einen Ingenieursposten. Viele andere Angebote suchten nach Verwaltungsangestellten und Sachbearbeitern – solche Stellenausschreibungen kannte Marlon schon. Auf viele ähnliche hatte er sich schon beworben und Absagen kassiert – zumeist wegen mangelnder kaufmänischer Erfahrungen.
Die Firmen, insgesamt vier, die ARGE mobilisiert hatte, stellten sich als Personalagenturen heraus. Marlon ging dennoch zu allen und ließ ihnen seinen Lebenslauf da und sprach mit jedem Vertreter einige Worte. Es meldeten sich nur zwei Personaler, einer telefonisch und einer per E-Mail bei Marlon, und nur einer wollte ihn persönlich sprechen. Er fuhr hin. Der Mann, der ihn eingeladen hatte, war sympatisch, schenkte Marlon jedoch reinen Wein ein: Er wisse nicht, ob er etwas für ihn tun könne, er würde jedoch mit ihm zusammen zumindest seinen Lebenslauf aufmöbeln, der eher einem Kraut- und Rübenfeld ähnle als einem für Bewerbungen tauglichen Dokument – also möbelten sie zusammen, gruppierten um und formulierten neu, und danach fuhr Marlon heim und hörte nie wieder von dem Herrn.

An das ARGE-Event der Modenschau und das schwindelerregende Gefühl der Erniedrigung, das er damals empfunden hatte, musste Marlon nun denken, als er mit der Bemerkung des Jungen im Ohr das Arbeitsamt verließ, - und an die Vorgesetzte seiner damaligen Sachbearbeiterin der ARGE, die er so schnell nicht vergessen würde. Immer, wenn er mit ihr zu tun gehabt hatte, sagte sie unwahrscheinlich dumme Dinge, konnte beispielsweise den Magisterabschluss nicht vom Staatsexamen unterscheiden, und trug obendrein ihre mangelhafte Bildung stolz und unverschämt zur Schau und blitzte dabei mächtig mit den Augen, und er musste ihr zuhören, obwohl er sie am liebsten gewürgt hätte. Beatrix hatte ihm seinerzeit bei diesen Zumutungen nicht helfen können und seine Eltern auch nicht, die eine mickrige Rente bekamen und schon Schwierigkeiten hatten, außerplanmäßige notwendige ärztliche Vorsorgeuntersuchungen zu finanzieren. Sie machten sich aber immer große Sorgen um ihn und Bea, sodass er sein Leid auch ihnen immer weniger geklagt und seine Gefühlslage zunehmend verschattet gehalten hatte. Was ihn zusätzlich quälte, war das unbefriedigende und nagende Gefühl, seinen Erzeugern in ihren eigenen Bedrückungen nicht beistehen zu können.

Marlon hatte nicht beabsichtigt, hier oben zu stehen, er hatte es nicht darauf abgesehen gehabt, die halbe Stadt zu durchwandern und auf dieser Stahlbrücke zum Stehen zu kommen und den unten rangierenden Zügen zuzusehen. Nachts hatte er, wie in den letzten Wochen fast durchwegs, wieder Albträume gehabt. Wie er auf fremden Bodenverhältnissen versucht, seinen Weg zu gehen und immer wieder hinfällt, und während er fällt, immer mehr Tote sieht, die um ihn her liegen, verstreut und ihrer Gliedmaßen beraubt – tote Rümpfe mit glasigen Augen, die doch alle zu ihm hinzublicken scheinen. Und die Angst des Marlons im Traum wächst und wächst und das fremde Gelände wird morastig und sumpfig und der Marlon im Traum hat nun schon Angst genauer hinzuschauen und stolpert von Leiche zu Dreckpfuhl, während im Hintergrund ein klirrendes Flimmern der Luft mit einem wachsenden, näherkommenden Grollen zusammenklingt. Der sumpfige Boden beginnt zu schmatzen und Marlons Füße festzuhalten, der mit wachsender Panik vorwärtszukommen und gleichzeitig aufzuwachen versucht und es fast nicht schafft und plötzlich mit vom eignen Schreien klingelnden Ohren erwacht.

Er hatte nicht vorgehabt so weit zu laufen – jetzt merkte er auch, das seine Füße ein bisschen schmerzten, aber nur ein bisschen und irgendwie weit weg – und hier auf der hohen Eisenbahnbrücke stehenzubleiben. Auf dem gleichförmigen Weg hierher, auf dem Marlon wie an Tunnelwänden entlanggestolpert war, waren immer wieder Menschen in zielgerichteter Hast vorbeigeeilt, – wenn Marlon aus seinem dumpfen leeren Brüten für Bruchteile aufgeschaut hatte, kamen ihre Blicke ihm feindselig und überheblich vor, er fühlte keinem gegenüber das Verlangen etwas von ihm oder ihr zu erfahren. Das hatte er immer häufiger verspürt in den letzten Wochen: die Abneigung, etwas über andere zu erfahren, vollkommenes Desinteresse. Darum rührte er sich auch bei keinem seiner Freunde, und, wie es Marlon schien: wenig überraschend – es meldete sich auch niemand bei ihm. Und heute war ihm die tiefhängende Wohnungsdecke so nahe gekommen, er ertappte sich immer wieder schreckhaft bei dem Glauben, sie hätte sich zu ihm hinabgewölbt, - und nach dem Streit mit Beatrix wollte er einfach nur raus.

Komisch, er konnte sich kaum noch an ihre Worte erinnern, es versank alles in weichem, formlosem Nebel, er hörte nur noch undeutlich in seiner Erinnerung, wie Beatrix' Schritte fortgingen, und wie die Türe zuschlug. Komisch, gerade waren ihm auch die vielen Bewerbungsabsagen egal, und dass vorgestern um sieben Uhr morgens ein Arbeitsamtbeamter angerufen hatte, um Marlons Frage nach selbständigen Einkünften, die er vor anderthalb Wochen per E-Mail geschickt hatte, zu beantworten. Marlon hatte sich schlecht gefühlt und schon seit einigen Tagen sein Bett nicht verlassen. Er kränkelte nicht richtig, hatte aber starke Kopfschmerzen und lag am liebsten im Dunkeln. Er und Beatrix hatten geglaubt, jemand sei gestorben, als so früh das Telefon klingelte, und als Beatrix an den Apparat ging und der Beamte vom Arbeitsamt dran war, fragte sie ihn ob er schon auf die Uhr gesehen habe, worauf er Beatrix zufolge gereizt erwiderte, natürlich, er arbeite schon seit einer Stunde, und Marlon sprechen wollte. Beatrix antwortete, Marlon liege noch im Bett und sei krank und der Beamte möge bitte später anrufen. Das hatte dieser nicht getan, und heute, zwei Tage nach dem Anruf, hatte Marlon Post vom Arbeitsamt erhalten. Darin verlangte der Beamte, der angerufen und Marlon nicht gesprochen hatte, ein ärztliches Attest und drohte, er würde Marlon die Bezüge streichen, wenn dieser schon selbständige Arbeit verrichtet hätte oder gerade dabei sei. Denn danach hatte sich Marlon ursprünglich per Mail erkundigt: Wie Einkünfte aus selbständiger Beschäftigung aufs Arbeitslosengeld angerechnet würden, ob anders als Angestellteneinkünfte. Doch er hatte noch keinen konkreten selbständigen Auftrag. Im Zuge seiner Jobrecherchen hatte er frühere Arbeitgeber angerufen und gefragt, ob diese Aufträge zu vergeben hätten, und einer hatte in Aussicht gestellt, sich zu melden. Darum wollte Marlon vorab die Verrechnungsgepflogenheiten erfahren. So hatte das auch in verkürzter Version in der E-Mail Marlons ans Arbeitsamt gestanden. Gerne hätte Marlon die besagte Fragemail an Frau Frecha direkt geschickt, er hatte jedoch weder eine E-Mailadresse, noch eine Telefonnummer von ihr, da das Amt solche "persönlichen" Daten seiner Mitarbeiter nicht herausgab. So musste Marlon sich an andere, mit seinem Fall unvertraute Beamte wenden und lange auf eine Antwort warten. Und die kam dann in solcher Form: einmal telefonisch um 7 Uhr morgens und dann brieflich mit Bezugsstreichungsdrohungen.

Doch Marlon interessierte sich gerade nicht für all das, er hatte nur Augen für die hübschen rangierenden Züge, die in großem Tempo unter der Brücke durchjagten. Wie ein Herr über sein Spielfeld blickte er auf die Züge herab. Er zählte ihre Waggons und beobachtete die vielen beweglichen Signale, bewunderte die verschlungenen Gleise mit ihren vielen flexiblen Weichen, die alle verschiedene Fahrtrichtungen ermöglichten, und folgte mit den Blicken großen Vogelschwärmen, die die freien Lüfte über den Gleisen durchpflügten.
Der Himmel war heute wieder von einem stechenden Blau, das Marlon in den Augen weh tat. Der Schnee, der überall noch dünn lag, verstärkte den blendenden Eindruck. Mit verkniffenen Augen, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen stand Marlon da und fror nicht, obzwar die Temperaturen eisig waren und in den kommenden Tagen noch weiter fallen sollten, und obzwar er schon seit einigen Stunden so bekleidet, nur mit Pullover, Jeans und in seinen dünnen Turnschuhen, durch die Stadt gelaufen war. Die Züge führten unten ihren rastlosen Tanz auf, und Marlon ließ seine Augen mitfahren. Marlon war nicht kalt. Marlon stieg auf die Brüstung.