Vor meinem Fenster steht ein Baum.
Es ist eine Linde, die im Herbst zwar ihre Blätter, oft jedoch nicht alle ihrer Schoten (Fruchtknoten) abwirft, in der sie, wie ich annehme, ihre Samen verschließt. Das irritiert mich, doch habe ich bislang trotzdem nicht nachrecherchiert, warum dem so ist. Ich denke in solchen Situationen an den Mann einer lieben Kollegin, der Ökologe ist, und der auf Fragen wie diese solide und in Gelassenheit versetzende Antworten weiß, den ich jetzt allerdings nicht fragen kann.

Der Baum beschäftigt mich oft: Im Sommer verbirgt er mich in meinem Zimmer vor neugierigen Nachbarsblicken und spendet mir Schatten, seine beinahe unabhängig voneinander im Wind schaukelnden Äste wiegen meine Gedanken zurück in ihre Beweglichkeit, wenn ich meinen starren, festgefahrenen Blick darauf richte. 

Der Baum ist vielleicht 20 Meter hoch und unzählige Vögel und Insekten hausen darin: von Frühling bis Herbst sind es alle denkbaren Krabbeltiere, vor allem jedoch Bienen, die den Baum zur summenden Flüglerhochburg machen, verschiedenste Vögel hocken auf seinen Zweigen und laben sich am Insektensalat, Eichhörnchen wippen seine Astgabeln geschäftig auf und ab. Selbst im Winter sind Vögel da, wenn auch weniger, und huschen Eichhörnchen zuweilen Stamm und Äste hoch.

Habe ich im Sommer mein Fenster geöffnet, werde ich von Insekten besucht - und selbst wenn es geschlossen ist, an kälteren Tagen, landen Marienkäfer auf den Scheiben und ab und zu anderes geflügeltes Volk.

Ich denke nach und der Baum kanalisiert meine Gedanken, während ich ihn betrachte - und manchmal übernimmt er die Regie: Dann folge ich seinen Verästelungen gedanklich nach oben in den grenzenlosen Raum über der Stadt oder nach unten, in das steinig-erdige Reich seiner Wurzeln = der gespiegelte Baum. 

Wenn ich nachts nicht schlafen kann, oder nach einem Streit verzweifelt wachliege, lehrt mich seine schaukelnde Krone die Erinnerung der Wiederkehr, des Verschwindens, des Aufs und Abs, des Kommens und Gehens - und tröstet mich doch in den Schlaf hinein.

Er ist wie die Mitte eines Kreises, den ich beginne zu ziehen: der Baum vor meinem Fenster.

Ganz gleich ob ich einmal umziehe, ob mein Leben sich ändert, ob ich mitnehme, was mich jetzt ausmacht, abschüttle, was nicht: Ein großer Wunsch wird immer sein, ein Baum soll in meinem Blickfeld stehen.